ECHIvOX-Interview – Die stille Schönheit im Lebenswerk von Hans-Peter Haas

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Von Valerie Kuzman

Am Morgen fand ich einen großen Umschlag in meinem Briefkasten vor, mit dem gut sichtbaren Aufdruck „HPH“. Als ich ihn öffnete, musste ich kurz inne halten, denn der Inhalt berührte mich auf eine sanfte, stille Art und Weise. Der Umschlag barg mehrere säuberlich und präzise ausgeschnittene Zeitungsartikel zum Leben und Werk von „Hans-Peter Haas“. Unser Interview hatte noch nicht stattgefunden, er hatte mir in aller Aufmerksamkeit In-formationen im Voraus zukommen lassen. Das war eine Geste, die man heutzutage nicht mehr erlebte. Hinzu kam, dass die Zeitungsausschnitte in eine weiße, einfach geklappte Büttenpapiermappe gelegt waren, auf deren Vorderseite ein kleines, in Schreibmaschinenschrift beschriftetes Briefpapier angebracht war. Da war sie wieder, diese stille, unverkennbare Eleganz, die stilvolle Ästhetik, die sich nicht in den Vordergrund drängte, die für sich sprach und mit feiner Schönheit bestach, die sich dem Auge angenehm anschmiegte, ohne auch nur die leiseste Unstimmigkeit oder Disharmonie im Gesamtbild aufkommen zu lassen. Das war die Präzision und perfekte technische Ausführung, der die Vollkommenheit der Ästhetik in ihrer Gesamtkomposition bedurfte. Nicht die Technik, die Farben, Materialien oder das Papier machten die defizile, persönliche und unverkennbare Handschrift im Werk von „Hans-Peter Haas“ aus, obgleich sie eine Voraussetzung, ein tragendes Element in sich bargen. Vielmehr beflügelte die schöpferische Gabe das Werk zu ungesehenen, bisher unerreichten, kaum geahnten Höhenflügen und lies es über alles hinausragen, gänzlich einzigartig in der gesamten Landschaft. Hier wurden die „Maßstäbe für das Erreichbare gesetzt“, wie einst „Prof. Dr. Kurt Weidemann“ es benannte. Den Blick beständig nach oben gerichtet, die höchsten Ziele gesteckt und Ideale verfolgend, war er bestrebt aus dem Machbaren das Beste zu machen. So kam ihm die Herausforderung als eine glückliche Aufforderung im Gewand eines guten Lehrmeisters auf den Weg. Er wollte etwas erschaffen, was es zuvor noch nicht gegeben hatte. Doch nicht die Perfektion im Druck, sondern die Ästhetik war es, die ihn bewegte: „Viele bewundern die perfekte Drucktechnik, aber mir geht es vor allem um das Schöne! Die Sache muss einfach ästhetisch sein und dazu ist der perfekte Druck als Voraussetzung selbst-verständlich.“

Die Schönheit in einem jeden Werk sollte dem Betrachter immer wieder auf’s Neue eine Freude bereiten und das Herz in der Brust regen. Nein, Werke, die er sich nicht an der Wand aufhängen würde, könnte er auch nicht drucken. Es sei denn, sie ließen sich einen ästhetischen Hauch nach dem Augenmaß des Siebdruckkünstlers einflößen. So kam es häufig vor, dass die Druckkunst nach „Hans-Peter Haas“ die Originale in einer optimierten, farblich ausdruckstärkeren und präziseren Weise wiedergab, als es dem Künstler selbst möglich gewesen war. Insbesondere in Kunstrichtungen wie der konstruktiven Malerei ließen sich die Farbflächen im Druck viel detailgetreuer und homogener aneinandersetzen, was mit der bloßen, freien Hand zuweilen nicht auszuführen wäre. So bekam er von manch einem Künstler die Rückmeldung, die Serigrafie stelle visuell genau das dar, was er sich vorgestellt hatte, aber nicht auszuführen vermochte. Zahlreiche weltberühmte Künstler, wie „Salvador Dalí“, „Heinz Mack“, „Max Ernst“ und viele andere, suchten die Siebdruckwerkstatt auf, die sich weltweit in aller Munde befand, und gingen darin ein und aus, denn sie verehrten und schätzten die Genialität und Einzigartigkeit der Begabung von „Hans-Peter Haas“ in hohem Maße. In einer persönlichen Widmung an „Herrn Haas“ schreibt „Heinz Mack“: „Lieber Herr Haas, bleiben Sie mir erhalten. Ich brauche Sie für meine Kunst!“ In diesen wenigen Worten war eigentlich schon alles gesagt: „Hans-Peter Haas“ war für die Künstler unersetzlich! Und obgleich er kein Geheimnis aus seiner Technik machte und japanische sowie amerikanische fach-kundige Besucher mehrere Tage lang in den Arbeitsprozess der Siebdruckkunst einwies, alles bis ins Detail hinein erläuterte und anschaulich aufzeigte, das Mitschreiben, Filmen und Erstellen von Dokumentationsfotografien sowie Zeich-nungen zuließ, konnte bisher keiner von ihnen eine qualitativ vergleichbare Arbeit vorweisen. Selbst die Materialien, Farben und Druckgewebe hatten sich die japanischen Freunde aus Europa einfliegen lassen und kamen letztlich zu dem Entschluss, dass es in Tokyo 10.000 Siebdrucker gäbe, aber der Beste von ihnen „Hans-Peter Haas“ sei. Auch in Amerika befand man seine Arbeiten für unvergleichlich, denn dort gelangten die Serigrafien von „Hans-Peter Haas“ bei jedem Wettbewerb auf den ersten Platz, sodass die Veranstalter untereinander zur Sprache brachten, man könne die Wettbewerbe bald abschaffen, denn „Herr Haas“ hatte bereits in den jüngsten Jahren die höchste Spitzenleistung in der Siebdruckkunst vollbracht. Wie ist das möglich gewesen? Wenn man „Herrn Haas“ selbst fragt, dann hört man aus seinen Worten eine natürliche, innere Veranlagung heraus: „Ich habe eigentlich schon sehr früh die Gabe gehabt, zu erkennen wie man Dinge verbessern kann. Wenn ich irgendwo hingekommen bin, habe ich vorerst beobachtet, wie sie das machen, und währenddessen kam mir dann häufig in den Sinn: ‚Halt mal, so geht das aber nicht! Das könnte man auf eine andere Weise besser machen!’. Mir kamen immer Ideen und Einfälle, die ich dann nochmals von der Logik her durchdacht und überprüft habe.“ In den 70er Jahren hatte sich eine Gruppe von Wissen-schaftlern gebildet, darunter auch der Stuttgarter Semiotikprofessor „Max Bense“ und der berühmte Philosoph „Ernst Bloch“, die den Standpunkt vertraten, die Kunst könne rein wissenschaftlich erklärt werden. Dem setzte „Herr Haas“ jedoch in angeregten Diskussionsrunden gerne seine eigene Erfahrung und Auffassung entgegen: „Es gibt keine Theorie, ohne dass sie in der Realität überprüft ist oder andersherum gibt es keine Theorie ohne eine praktische Erfahrung.“ In seiner Arbeit gingen Theorie und praktische Ausführung, Idee und Logik immer Hand in Hand. Jedoch auch aus dem praktisch Vorhandenen etwas Schöpferisches, eine Idee oder einen Einfall erwachsen zu lassen, stellte für ihn keine große Herausforderung dar: „Die Improvisations-fähigkeit spielt bei mir eine große Rolle. Wenn gewisse Dinge nicht vollkommen vorhanden waren, musste ich improvisieren, um trotzdem zu einer guten Lösung zu kommen.“ Für seinen ausgeprägten Improvisationssinn war „Herr Haas“ im Kollegium bekannt, sodass man über ihn sagte: „Wenn der „Haas“ in Afrika wäre und das alles dort so vorfinden würde, würde er immer noch die besten Drucke machen!“. Dieselbe Improvisationsfähigkeit sollte ihm noch des Öfteren im Leben hilfreich beikommen, denn die Siebdruckkunst befand sich in Deutschland zu seiner Zeit noch in den Anfängen. Als er in die Berufsjahre bei „Poldi Domberger“ eintrat, hatte man gerade eine technische Experimentierphase im Siebdruck eingeleitet, sodass dieser noch keinen eigenen Lehrberuf darstellte. Während seiner Schulzeit auf der Walddorfschule hatte man ihm eine Lehre zum Maler oder Werbegrafiker empfohlen. Bereits als Schüler war sein Sinn für grafische Gestaltung offensichtlich. In Schulfächern wie der Chemie und Physik mussten die Experimente häufig als Hausaufgabe beschrieben werden. Dazu zeichnete „Herr Haas“ grafische Schaubilder, wie sie nur noch in Schulbüchern vorzufinden waren, sodass die Lehrer ihm keinen Glauben schenkten, dass er dies tatsächlich selbst angefertigt hatte. Ihm war schon damals zu eigen, dass er das Gesehene leicht zeichnen und auch komplexere Vorgänge visuell vereinfacht darstellen konnte. Da ihm manche Schulfächer, wie beispielsweise Sprachen, weniger lagen und er schon wusste, dass er sein leblang kein Abitur brauchen würde, fiel ihm die Entscheidung für eine Lehre nicht schwer. Aber Maler oder Grafiker wollte er nicht werden, denn von ihnen gab es schon zu Genüge. Bei „Poldi Domberger“ hatte er erstmals den Siebdruck kennengelernt und war sofort begeistert: „Das hat mir auf Anhieb so sehr imponiert, dass ich mich dann umgehend auf den Siebdruck festgelegt habe.“ Der zuvor auf Plakatentwürfe und Werbung spezialisierte Grafiker „Poldi Domberger“ hatte sich von einer Siebdruckausstellung, die im damaligen Amerikahaus in Stuttgart stattfand, anregen lassen und begann daraufhin selber auf eine noch sehr einfache und ursprüngliche Art und Weise zu experimentieren. Der Siebdruck entstand in Ostasien aus der „Schabloniertechnik“, fand jedoch erst in den Nachkriegsjahren in Deutschland einen Eingang. Da zu dieser Zeit der Siebdruck noch keinen Lehrberuf darstellte, besuchte „Herr Haas“ keine Kunstgewerbeschule oder vergleichbaren theoretischen Unterricht, sondern nahm in der Werkstatt „Domberger“ sogleich eine rein praktische Arbeitstätigkeit auf. Das sagte ihm als jungem Menschen sehr zu, denn er wollte sich aktiv betätigen und arbeiten. Da er allein durch die genaue Beobachtung lernte, musste er weder nachfragen noch etwas demonstriert bekommen, sodass er von Anfang an sehr selbständig arbeitete. Nach drei Jahren bemerkte „Herr Domberger“ erst: „Ha, da komm ich ja erst jetzt darauf. Er hat nie gesagt, zeig’ mir mal, wie ich das jetzt machen soll!“. Der Meister war mit seinem jungen, fleißigen und befähigten Lehrling hochzufrieden, jedoch zog es „Herrn Haas“ zu dieser Zeit in die fernen Lande: „In den Nachkriegsjahren war vieles noch nicht so geordnet und daher ging, ich ins Ausland, um andere Firmen anzusehen und mich weiterzubilden.“ Die erste Station war Koppenhagen, Dänemark. Im Voraus hatte er die Grundlagen der dänischen Sprache erlernt und kam in eine Siebdruckfirma, die damals führend in Europa gewesen ist. Dort blieb er ein dreiviertel Jahr, obgleich ihm schon zu Beginn aufgefallen war, dass er technisch bereits etwas fortgeschrittener war. Nach dem Krieg waren die Deutschen in Skandinavien nicht so gerne gesehen, aber davon merkte „Herr Haas“ nichts. Die Menschen nahmen ihn sehr herzlich auf, er kam mit ihnen bestens aus und empfand sie als sehr hilfsbereit, freundlich und zuvorkommend. Viele von ihnen haben sich sogar bemüht, mit ihm deutsch zu sprechen, um es ihm zu erleichtern. Ihnen gegenüber verhielt sich „Herr Haas“ immer höflich, zurückhaltend und stellte seine im Heimatland gemachten Erfahrungen nicht so sehr in den Vordergrund, denn er wusste, dass jedes Land seine guten Eigenschaften hatte und er überall nur dazulernen konnte. So führte ihn seine Reise auch nach Belgien, Frankreich und in die Schweiz. Während dieser Zeit machte er einen Zwischenhalt in Schwetzingen, wo er für ein Jahr als Betriebsleiter der Firma „Rebstein Werbemittel“ tätig war. Bei der Vorstellung seiner Person vor den badischen Mitarbeitern, hörte er einen vierzig Jahre älteren Herrn sagen: „Ah, dem werden wir schon die Ohren stutzen!“ Aber nichts dergleichen geschah. Nach einem knappen Jahr vergrößerte sich die Firma unter seiner Kreativität von 12 auf 150 Mitarbeiter. Man wollte ihm den Vertrag verlängern, aber er lehnte ab. Zum einen war er kein Freund von vertraglichen Bindungen, da er der Ansicht war: „Wenn mein Gegenüber so anständig ist, wie ich zu ihm, dann brauchen wir keinen Vertrag! Und im Falle, dass man sich nicht mehr verstand, war der Vertrag ein Hindernis, sofort auseinander gehen zu können.“ und zumanderen hatte ihn die Idee der Selbständigkeit schon seit seiner Berufszeit bei „Herrn Domberger“ begleitet. Bis dahin hatte er sich beruflich hauptsächlich mit Werbedruck befasst, doch seine private Zeit, die Feierabende und Wochenenden, widmete er ausschließlich dem künstlerischen Siebdruck. Bevor er seine Leidenschaft jedoch tatsächlich ver-wirklichen konnte, ging er noch für ein halbes Jahr in die Schweiz: „Spannend war dort eben, dass sie in der Plakatkunst absolut führend waren. Die Werbeplakate gingen sehr stark in’s Künstlerische und sahen teilweise wie Gemälde aus.“ Die Zeit in den idyllischen Naturlandschaften, umgeben von traumhaften Berghorizonten und Seen, die gemeinsamen Angelausflüge mit dem Chef sowie der Charme der Schweizer machten ihm den Aufenthalt dort sehr angenehm. Die Zeit war so schön wie ihre „Siebdruck-Gemälde“ selbst, jedoch brachte der Atelierleiter nur spärlich Aufträge ins Haus, sodass sein Eifer und die stete Arbeitsfreudigkeit nicht erfüllt werden konnten. „Hans-Peter Haas“ zog seines Weges, richtete im elterlichen Haus einen kleinen Raum mit Dachschräge zum Drucken ein, wobei die Waschküche für den Belichtungstisch und die Schablonenherstellung umfunktioniert wurde. Es sollte ein Raum zum Experimentieren entstehen, doch soweit kam es nicht, denn die ersten Aufträge kamen schon in’s Haus. Von hier aus trat „Herr Haas“ in eine enge Zusammen-arbeit mit seinen Herstellern ein, woraus sich zahlreiche Verbesserungen der Farben, Gewebe und Druckmaschinen entwickelten. Zunehmend wurde auch das Ausland auf die Siebdruckkunst von „Hans-Peter Haas“ aufmerksam, denn in dem kleinen „Dachkämmerlein“ entstanden jedes Jahr Kunst-Kalender, die er zu Ausstellungen und Wettbewerben in die ganze Welt verschickte. Als ihm schließlich die zündende Idee kam, war sein Erfolg nicht mehr aufzuhalten und sein Name erlangte eine internationale Bekanntheit, die bisher keinem Siebdruckmeister vergönnt gewesen ist. „Wir müssen Werbedrucke machen, mit welchen für das Produkt geworben wird!“, sagte „Herr Haas“ zu seinen Herstellern und Lieferanten. Die grafische Gestaltung ließ er nach seinen eigenen Vorgaben durch Kunststudenten anfertigen, denn er wollte durch technische und künstlerische Mittel herausstellen, was mit den Materialien und Produkten der Firma alles möglich war. Der Name „Hans-Peter Haas“ erschien auf jedem Exemplar und stand für eine Qualität auf höchstem Rang. Dass man mit einem guten Namen Werbung machte, war damals noch nicht üblich und zeigte, dass „Herr Haas“ oftmals seinen eigenen Weg ging, ihn öffnete, dabei neue Richtungen aufwies und die anderen gerne mitnahm. Die Idee mit den Werbeplakaten kam schließlich allen daran Beteiligten zugute und wurde durch viele Hände zu einer erfolgreichen Umsetzung geführt. Wenn der Mensch in Gemeinschaft denkt, trägt seine Idee eine Frucht, die zumeist über den Einzelnen hinauswächst. So machte „Herr Haas“ auch kein großes Geheimnis aus seiner Drucktechnik und Arbeitsweise, sondern empfing ganz im Gegenteil gerne Besucher aus aller Welt, die ein Interesse an der Siebdruckkunst hatten. Die wunderten sich jedoch oftmals wo seine Fabrik geblieben war, wenn er sie in die kleine Dachkammer und die Waschküche führte. Ein amerikanischer Chefredakteur einer Siebdruckzeitschrift verblieb drei Tage im Hause „Herrn Hass“, ließ sich alles zeigen und erklären, um daraufhin in den Heimatlanden eine Sonderausgabe herauszugeben. Als das Belegexemplar in den Händen von „Herrn Haas“ lag, war an einer Stelle über den Besuch zu lesen: „Herr Haas war sehr freundlich und mitteilsam, jedoch führte er mich nur in einen Versuchsexperimentierraum, aber die Fabrik habe ich nicht gesehen.“ Drei Monate darauf kamen weitere amerikanische Kollegen, die ständig nachfragten: „Wo Fabrik, wo Fabrik?“. Zu ihrem großen Erstaunen antwortete „Herr Haas“ nur: „Es gibt keine Fabrik!“. Er machte die gesamte Arbeit von Anfang bis Ende selbst, es gab weder eine Fabrik, noch ein Arbeitsteilungssystem oder Büroangestellte, was seinem Werk eine unverkennbare Handschrift einprägte. Er brachte sein gesamtes Wesen in jeden einzelnen Druck ein, mit ungeteilter Aufmerksamkeit, Präzision und Liebe. Er hatte die Siebdruckkunst in Deutschland mit Geduld, Feingefühl und Fleiß großgezogen, begleitet, gelehrt, darin investiert, bis sich ihm die Wege von allein öffneten, in die Weite der Welt. Seine Kunst hatte vielen Künstlern erst geholfen, zu Bekanntheit zu gelangen. Der Druck eines Kunstwerkes sorgte dafür, dass es überall gesehen wurde, nicht nur an einer Stelle. Auch wurde die große Kunst dadurch für viele Menschen erschwinglicher, näher und persönlicher, da sie Eingang in den privaten Raum fand.

Unter den zahlreichen Begegnungen mit bedeutenden Künstlern hat sich „Herrn Haas“ eine Bekanntschaft besonders eingeprägt: „Die Begegnung mit ‚Pablo Picasso’ war für mich sehr beeindruckend. Er war eine unglaubliche Persönlichkeit von Genialität, Schöpferkraft, Wach-samkeit und Beobachtungsgabe. Seine ausdrucksstarken Augen haben mich besonders fasziniert. Mit kritisch prüfendem Blick hat er immer gesehen, was gut und was weniger gut war. Natürlich hat er auch oftmals gern darauf geschaut, was seine Kollegen machen, und es dann selbst übernommen, aber immerhin hat er das Gesehene stets in gesteigerter und verbesserter Form ausgeführt. Man staunt nur, unter welch einfachen und teilweise sehr schwierigen Umständen Künstler, wie ‚Picasso’ oder ‚Michelangelo’, solch großartige Werke erschaffen haben. An der heutigen Kunst sieht man, dass es die ganz große Kunst nie mehr geben wird! Die jungen Künstler werden an die frühere Kunst nicht mehr herankommen.. Das liegt am Lebenswandel.“   Die Gesellschaft habe sich sehr stark verändert, konstatiert „Herr Haas“, denn die gravierende Wertung des Geldes sei zusehends in den Vordergrund gerückt. Das könne man besonders gut an gesellschaftlichen Zusammenkünften be-obachten, denn da ginge es nur noch um das Gesehenwerden, Trinken und Essen. Der frühere Umgang mit Kunst sei gänzlich anders motiviert gewesen: „Früher haben Galeristen noch aus Leidenschaft Kunst gekauft und verkauft. Sie waren noch so verliebt in die Kunst, dass sie manches nicht einmal verkaufen wollten. In der Nachkriegszeit entstanden so durch Sammler und Kunstliebhaber Museen. Das gibt es heute nicht mehr!“ Die Werteverlagerung erfuhr „Herr Haas“ auch in seinem eigenen Arbeitsalltag: „In den 60er Jahren hat man gar nicht gefragt, wie viel etwas koste, es war selbst-verständlich und man wollte nur gute Arbeit haben. Heutzutage, wenn man einen minimalen Gewinn einkalkuliert, ist es immer noch zu viel. Momentan schauen Firmen, dass die Herstellung möglichst günstig ist und keinen großen Aufwand erfordert. Bis zu einer gewissen Qualität wird etwas gemacht und dann nicht mehr verbessert.“ Dass die finanziellen und qualitativen Einsparungen über die Produkte hinaus auch den Menschen erreicht haben, ist „Herrn Haas“ ebenfalls bewusst: „In der Angelegenheit um die Mindestlöhne, muss ich mich immer sehr wundern, denn das ist nicht die Aufgabe der Politik, sondern der Unternehmer und Gewerkschafter!“ In einer Welt, in der die Gewinnmaximierung an oberster Stelle steht, rückt die Kunst und Kultur immer weiter in den Hintergrund. Mit einem Blick auf die jungen Künstler und die kommende Generation fragt man sich, was man ihnen für die Zukunft mit auf den Weg geben kann. Trotz gesellschaftlichen Wandels gibt es für „Herrn Haas“ aus eigener Erfahrung nur eine erfolgsversprechende Herangehensweise: „Arbeiten, arbeiten und wieder arbeiten!“ Der unversiegbare Fleiß, die Disziplin und Ausdauer haben sich im Lebenswerk von „Hans-Peter Haas“ bewährt, jedoch war es häufig die Schöpferkraft, die sich mit der logischen Ausführung paarte, ihm die nötige Improvisationsfähigkeit verlieh und über jegliche Herausforderung hinauswachsen ließ. Es war in ihm angelegt, eine Berufung, ein Ruf, den nur der in Stille Horchende wahrhaft vernehmen kann. Die innere Reife brachte er zur Äußeren. Die Welt verlangte eine präzise Jonglierkunst, um die erwachte Idee, zum Tragen zu bringen. Während „Herr Haas“ über sein Leben, die Arbeit und Kunst spricht, vernimmt man, wie sich seine dunkelbraunen Augen weiten, zu glänzen und leuchten beginnen und seine Wangen einen frischen, rötlichen Hautton annehmen. Es ist erstaunlich wie viel Kraft, Freude, Enthusiasmus und Ausdauer einem von außen ruhenden, stetig beobachtenden und bescheidenen Wesen entspringen können. Er liebt sein Handwerk und hat sich der Kunst mit ganzem Herzen verschrieben. Es ist das Momentum, das niemals fehlen darf, denn die Hingabe und Liebe zum Werk ist es, die einer jeglichen Kunst den Geist verleiht, den Menschen in erhebender Schönheit zu weiteren Gefilden emporschwingt, ungeahnt und doch greifbar, dem wirklichen Traum so nah, das Erträumte im Lebenswerk sichtbar.  Stuttgart, 12.Oktober 2013 Hans-Peter Haas

  • 1935 Geboren in Stuttgart Besuch der Walddorfschule
  • 1958 Gründung des Ateliers für Siebdruck HPH in Stgt.-Münster
  • 1973 Erste Serigrafie-Ausstellung im Schwetzinger Schloß
  • 1979 Ehrenmitglied der Staatl. Akademie der Bildenden Künste Stuttgart
  • 2009 Verleihung des Bundesverdienst- kreuzes an Hans-Peter Haas

HPH lebt und arbeitet seit 1993 in Leinfelden-Echterdingen

Mit freundlicher Genehmigung der Autorin: valeriekuzman.jimdo.com/über-mich/

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